Jagdpächter ab sofort als "Gemeindejäger" mit Westen unterwegs

Begutachten eine frische Schadstelle unweit des Rathausmarktes Kleinmachnow: Die Jagdpächter Peter Fenske und Jörg Hemmerden sowie Bürgermeister Bernd Albers und sein Kleinmachnower Amtskollege Michael Grubert (v. l.).
(Foto: Gemeinde Kleinmachnow)

Fachleuten zufolge hat die Wildschweinpopulation 2016 in ganz Deutschland und Europa zugenommen. Auch auf dem Gebiet der Jagdgenossenschaft Stahnsdorf-Kleinmachnow ist dies der Fall, wie die zuständigen Jagdpächter Jörg Hemmerden und Peter Fenske bei einem gemeinsamen Pressegespräch der Gemeinden Kleinmachnow und Stahnsdorf mit der Jagdgenossenschaft am Dienstag, 6. September 2016, mitteilten.

Wildschweine sind die Profiteure eines tiefgreifenden Wandels in der Landwirtschaft

Bislang bleibt den zwölf Jägern der Jagdgenossenschaft im etwa 1000 Hektar großen Jagdgebiet – Sonderbejagungsflächen nicht eingeschlossen – nur die Behandlung dieses Symptoms. Doch wo liegen die Ursachen des sprunghaften Anstiegs? Die Tiere profitieren von tiefgreifenden Veränderungen in der Landwirtschaft und des Klimas. Großflächiger Maisanbau in Siedlungsnähe, sinkende Populationen sogenannten Niederwildes und innerörtliche Feuchtgebiete als ideale Einstandsgebiete seien einige der Knackpunkte, wie Jörg Hemmerden schildert.
Nicht zuletzt ist auch das menschliche Alltagsverhalten dafür verantwortlich, dass sich das Schwarzwild in besiedelten Gebieten zunehmend heimisch und wohl fühlt. Man darf nicht vergessen: Wildschweine sind Allesfresser. Sie ernähren sich beispielsweise von Fallobst, Weizen, Mais, Raps, Kleintieren in Komposthaufen und Blumenzwiebeln. Offene Kompostierungen, das Abladen von Grünabfall (Rasenschnitt etc.) auf öffentlichen Grünflächen und an Waldrändern sowie mangelhafte oder fehlende Einfriedungen von Grundstücken und sogar bewusste Wildfütterungen, die gesetzlich verboten sind, tragen ebenfalls zur Erhöhung der Population in bewohnten Gebieten bei.

Wildschweine zerwühlten auf Nahrungssuche auch diese öffentliche Grünfläche in der Bahnhofstraße.
(Foto: privat)

Wildschwein-Sichtungen sind zum Alltag auch für die Ordnungsämter geworden

Die Meldungen von Sichtungen und Schäden im Ortsbild durch Schwarzwild sind in unserer Region mittlerweile Alltag auch für die lokalen Ordnungsämter, die derartige Informationen unmittelbar an die Jagdpächter weiterleiten. Die Jagdpächter schöpfen ihrerseits alle nach dem Jagdgesetz und der Waidgerechtigkeit bestehenden Möglichkeiten aus, um die Hege des Bestandes zu betreiben. Dazu gehört auch das Zur-Strecke-Bringen von Tieren nach dem Grundsatz "Jung vor Alt und Weiblich vor Männlich". Jährlich werden so zwischen 50 und 100 Tieren fachmännisch erlegt, anschließend gesundheitlich untersucht, um Seuchenbefall auszuschließen, und schließlich dem Lebensmittelkreislauf zugeführt. In diesem Jahr wird die Quote der erlegten Tiere voraussichtlich um ein Drittel über dem bereits überdurchschnittlichen Vorjahreswert liegen.
Die Jäger befinden sich bei ihrer Jagdtätigkeit ─ übrigens nur eine Nebentätigkeit neben ihrem eigentlichen Beruf ─ in einem ständigen Spannungsfeld zwischen Jagd- oder Waffengegnern und denjenigen Menschen, denen die Dezimierung des Wildbestandes nicht schnell und hoch genug gehen kann. Innerhalb der Ortslage treffen sie des Öfteren auf Unverständnis von Mitbürgern, die nicht einmal vor Beschimpfungen und Beleidigungen zurückschrecken.

Nur an wenigen Stellen in Stahnsdorf darf mit Ausnahmegenehmigung geschossen werden

In befriedeten Bereichen der Gemeinde ist die Bejagung verboten, sofern die Untere Jagdbehörde keine Ausnahmegenehmigung erteilt. Dies trifft in Stahnsdorf nur auf wenige Bereiche zu, nämlich den Dorfplatz, den Lagerplatz des Wirtschaftshofes an der Alten Potsdamer Landstraße sowie Teile des Grashüpferviertels (Entwässerungsgräben, Bahnfreihaltetrasse, Grünanlage "Schwarzer Pfuhl") und die Grünanlage des Jugend- und Familienzentrums "ClaB". Eine entsprechende Bekanntmachung dieser Sondergebiete im befriedeten Bereich der Gemeinde Stahnsdorf erfolgte im Amtsblatt Nummer 8 des Jahrgangs 15 für die Gemeinde Stahnsdorf vom 30. Juni 2016 (pdf).
Doch selbst mit einer Ausnahmegenehmigung nach § 5 Abs. 3 des Brandenburgischen Jagdgesetzes sind die Jäger verpflichtet, jegliche Vorsichtsmaßnahmen bei der Bejagung zu beachten, etwa bei der Positionierung während der Schussabgabe (sicherer Schußfang!), um Gefahr für Leib und Leben von Menschen auszuschließen. Dies tun sie nach bestem Wissen und Gewissen und daher bedürfen sie unser aller Unterstützung. "Wir sind keine Killer", stellte Jörg Hemmerden im Pressegespräch klar.

Jagdpächter Peter Hemmerden (Mitte) präsentiert gemeinsam mit den Bürgermeistern die Westen für die "Gemeindejäger" Stahnsdorf/Kleinmachnow.
(Foto: Gemeinde Kleinmachnow)

Westen mit Signalfarbe und Aufschrift sollen die Jagdpächter als "Gemeindejäger" legitimieren

Um die Legitimierung der Jagdpächter noch deutlicher zu gestalten, tragen diese ab sofort neongelbe Warnwesten mit der Aufschrift "Gemeindejäger" und den beiden Wappen der Gemeinden Stahnsdorf und Kleinmachnow. "Dies soll Jedermann signalisieren, dass am Ort der Bejagung nicht irgendein Mensch bewaffnet umherläuft, sondern ein legitimierter Fachmann am Werk ist", so Bürgermeister Bernd Albers.

Man muss sich also an Tierbegegnungen mit Schwarzwild in unserer Region gewöhnen. Gleichwohl können wir es den Tieren durch unser eigenes Verhalten so unattraktiv wie möglich machen, sich innerhalb der Ortslage aufzuhalten. "Die Summe der Anreize, die Menschen größtenteils unbewusst schaffen, muss reduziert werden", fasst Jagdpächter Fenske zusammen.

(14.09.2016)

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Wie sollte man reagieren, wenn es zu einer Konfrontation mit Wildschweinen kommt?

  • Wichtig zu wissen: Wildschweine sind grundsätzlich vom Fluchtinstinkt geprägt. Treiben Sie die Tiere daher niemals in die Enge, sondern lassen Fluchtwege offen! "Wildschweine sind keine Raubtiere. Wenn sie in Panik geraten oder sich zur Verteidigung ihres Nachwuchses genötigt sehen, werden sie jedoch notfalls auch einen Menschen umwerfen", sagt dazu Jagdpächter Jörg Hemmerden.

  • Bewahren Sie im Fall eines Sichtkontakts die Ruhe und ziehen sich behutsam zurück!

Wie lassen sich direkte Begegnungen mit den Tieren am ehesten vermeiden?

  • Folgen Sie den vorgegebenen Wegen und meiden Sie im Wald das Unterholz!

  • Nähern Sie sich in der Tragezeit (i. d. R. Frühjahr/Herbst) keinesfalls den Jungtieren!

  • Nehmen Sie Ihre Hunde beim Spaziergang grundsätzlich an die Leine! Wildschweine nehmen andere Vierbeiner als Feinde wahr.

  • Schicken Sie Ihre Kinder auf dem Schulweg nicht durch den Wald, sondern entlang der öffentlichen Wege und Straßen!

Was kann ich als Bürger dazu beitragen, um den Wildtieren den Aufenthalt in bewohnten Gebieten möglichst unattraktiv zu machen?

  • Sorgen Sie dafür, dass alle Seiten Ihres Grundstücks oder Gartens angemessen eingefriedet sind! Nur stabile Zäune halten die Wildschweine wirksam fern.

  • Vermeiden Sie offene Kompostierung auf Ihren Grundstücken und Gärten!

  • Entsorgen Sie Fallobst unverzüglich von Ihrem Grundstück! Es lockt die Tiere an.

  • Lassen Sie Grünschnitt (auch Rasenschnitt!) ordnungsgemäß von den Grundstücken abfahren und nutzen Sie dafür die Grünabfallentsorgung! Es könnten sich darin Kleintiere einnisten, die den Wildschweinen als Nahrung dienen.

  • Stellen Sie Grünabfallsäcke oder Gelbe Säcke immer erst an den Entsorgungstagen außerhalb Ihres Grundstücks an den entsprechenden Abholstellen ab!